
Zuversicht besteht aus drei Komponenten. Es ist einer der stärksten und wirksamsten Konzepte im Management. Du kennst dieses Konzept noch nicht? Noch nie gehört? Gut möglich, denn aktuell hat Zuversicht keine Konjunktur. Sollte sie aber haben, denn Optimismus, Vertrauen und Hoffnung scheint nicht mehr auszureichen. Wir brauchen ein stärkeres Leadership-Konzept!
Was ist Zuversicht?
Zuversicht kommt aus dem althochdeutschen „zu“ etwas Hinbewegen und „Versicht“ von vorausschauen und sehen. Dabei handelt es sich um ein personales Konzept, denn Zuversicht ist nicht in einer Person alleine begründet, sondern in einem Miteinander, dass durch Vertrauen geprägt ist. Man sucht Zuflucht in etwas und folgt dabei einer Person des Vertrauens, die schon etwas voraus sieht und der man es zutraut, dass diese Sichtweise verlässlich ist. Das hat viel mit Glaubwürdigkeit zu tun, die nicht als Eigenschaft angeheftet werden kann, sondern auf sehr langen Distanzen erworben wird. Menschen glauben an eine Person und diese Person hat sich als würdig erwiesen. Der Erwerb von Glaubwürdigkeit ist extrem langwierig und langsam, doch verspielen kann man seine Glaubwürdigkeit an nur einem einzigen Tag.
Bauteil 1: Personelle Komponente – Der Grund
Der GRUND, warum Menschen einem anderen Menschen vertrauen ist nicht nur rational, sondern und vor allem emotional geprägt. Die Bindung an eine Person, die eine Würde in sich trägt, um glaubhaft zu sein, ist der Grund für Zuversicht. Ganz im Gegenteil ist Optimismus ein signifikant schwächeres Konzept, denn es erwartet lediglich das beste von allem. Es mag kommen oder nicht, der Optimismus ist in einer Person isoliert vorhanden. Der Grund, einer Sicht in die zukunft zu vertrauen, der Person zu folgen, ist dagegen interpersonal. Der Zusammenhalt von Gruppen beispielsweise fördert Zuversicht. Wenn eine Merkmalsgruppe, wie eine Belegschaft oder ein Betrieb vor Ort begründetes vertrauen in sein Leadership-Team hat, ist die erste belastbare Komponente für ZUVERSICHT vorhanden. Es liegt auf der Hand, das mit zunehmender Kohäsion der Grund, also die Basis, das Fundament, auf dem alle stehen stärker und belastbarer ist, als ein Individualfundament einer einzelnen Person.
Darüber hinaus kann dieser Grund eine ruhige Gewissheit liefern. Also das Gegenteil von Aufgeregtheit und Ungewissheit. Ruhe geht oftmals einher mit Frieden. Frieden zu empfinden auf unklaren Wegen, ist eine enorme Kraftquelle. Diese Quelle kann nicht verordnet werden. Sie liegt tief und muss über Jahre erschlossen werden. Ist sie erschlossen, tränkt sie die Menschen immer wieder zur neuen Frische.
Bauteil 2: Visionäre Komponente – Sehen
Im betriebswirtschaftlichen Kontext sind Zielbilder möglicherweise wertstiftender, weil wie rascher avisiert, gemessen und somit auch in Umsetzung gebracht werden können. Operativ, versteht sich. Doch „versicht“ aus der Zuversicht, dem althochdeutschen SEHAN, bedeutet vor allem, einen klaren Blick für Dinge zu haben, die andere noch nicht sehen. Es ist schon da, aber noch nicht greifbar. Visionäre menschen sehen Dinge und Sachverhalte, als wären sie bereits da, obwohl nocht nichts davon greifbar ist und das in einer Klarheit und Präzision, die anderen Menschen Orientierung verleiht. Eigentlich nichts kompliziertes, doch es verlangt möglicherweise die Fähigkeit, weit über den Tellerrand hinaus zu blicken. Zu abstrakt?
Ein Beispiel
Kurz nach der Jahrtausendwende schrieb ich eine kleine Geschichte über eine Familie, die mit dem Auto einen Ausflug unternahmen. Mit dabe war ein kleiner Roboterhund. Kurzversion: Die Familie geriet in einen Unfall, eine Stimme ertönte im Auto, die zuversichtlich versprach, dass Hilfe unterwegs ist. Der Abschleppdienst kümmerte sich um die Werkstatt und noch während die Familie medizinisch versorgt wurde, war das Auto in der Werkstatt. Wie gesagt, die kurzversion. Heute in der Versicherungswirtschaft völlig normal. Meiner Ehefrau erging es kürzlich genau so, nachdem alle Airbags im Fahrzeug auslösten und eine Stimme sie ansprach. Doch die Zeit, in der ich diese Story für EY in Kooperation mit HP und SAP „erfand“, um über Vorstände in der Versicherungswirtschaft ein Geschäftsmodell zu platzieren, war noch nicht reif dafür. Clevere Leader erkannten das Potenzial und wollten schnell Marktführer in der Schadenregulierung werden mit geschlossener Prozesskette, basierend auf innovativer Technologie mit dem Potenzial zu Steigerung von Kundenzufriedenheit bei gleichzeitiger signifikanter Kostenreduktion. Easy, oder!
Sehen, was kommt
Den meisten Menschen in meinem Umfeld viel dieses Szenario recht schwer und die Anzahl der Argumente zur Realisierung waren besonders stark bei den Bedenkenträgern ausgeprägt. Menschen, die eher nicht zuversichtlich waren. Wer sich jedoch auf dieses Szenario eingelassen hat und der Idee mit Zuversicht folgte, erfuhr in absehbarer Zeit den Segen der „First-Mover“. Erst sehen, dann aber auch konsequent machen. Deshalb auch von Beginn an SAP und HP an Bord, denn sonst wäre aus der netten Story nichts geworden. Am Ende des Tages gehören immer drei Dinge zusammen: Menschen, Geschäftsprozesse und Technologie. Im übrigen ändert sich das nicht so schnell. Das ist recht stabil, auch dann, wenn alles immer schneller, unschärfer und vernetzter wird.
Bauteil 3: Richtungsgebung – Zukunft
Jetzt kommen wir zu der wichtigsten Komponente. Stimmt die Richtung nicht, führt die Reise in die Irre und die Zuversicht wird zerstört. Ich war einmal Teil eines Teams, das in Summe sehr zuversichtlich war, aber leider wurde die Richtung durch einen Private Equity Investor vorgegeben. Die Richtung änderte sich von Leidenschaft für tolle Lösungen für Kunden zu KPI-Jagt und EBIT-Zielen. Grundsätzlich nichts verkehrtes, aber der Kern, die Seele, änderte sich. Eine menschenbeseelte Webseite wurde zur Lösungswebseite, aus Charakterteams mit echten Menschen wurde plötzlich Lösungsteams. Alles OK, aber die „Seele“ wurde entnommen. Also schwand auch die Zuversicht, dann die Menschen und zu guter letzt auch die Kunden. Was doppelt so groß werden sollte, schrumpfte sich zusammen. Da hilft es auch nicht, wenn immer neue Ziele ausgerufen werden. Im übrigen litten nicht nur die Menschen im Team. Am Ende schloss der Private Equitiy Investor seine ganze Firma (in Abwicklung). So kann es kommen.
Deshalb ist es gut und angebracht, wenn Leistungsorganisationen, die eine Seele besitzen, auf Zuversicht setzen, auf Menschen, auf echte Werte für Kunden und Partner, ja, für alle Beteiligten. Das führt zu einem Miteinander, ein Ansatz, der auch dann als Kitt hält, wenn der Wind zunimmt, es stürmisch wird und das Schiff droht, auseinanderzubrechen. Was es dann braucht, sind gestandene Seeleute, die mit Zuversicht hart anpacken und so auch Perspektive und begründete Hoffnung vermitteln.

Ein Beispiel – Generationsübergabe im Betrieb
In meiner Laufbahn als Diener für Menschen in Unternehmen hatte ich einmal einen Kunden, dessen Betrieb vom Senior auf den Junior übertragen werden sollte. Die Zuversicht des Vaters übertrug sich auch auf den Sohn. Das war ein Asset! Die gesamte Mannschaft hatte Zuversicht, zog an einem Strang und es gab keinen Generationenkonflikt, auch dann nicht, wenn die Lösungsräume divergierten. Am Ende hat sich das menschliche Miteinander durchgesetzt und zwar eindeutig Richtung Innovation und Zukunft. Weil der Vater dem Sohn die Aufgabe nicht nur übergab, sondern sich auch zuversichtlich beizeiten zurückzog. Das war Würde. Nicht selten sind das Sollbruchstellen, doch die gemeinsame Zuversicht war eine sichere Leitplanke, an der sich alle orientieren konnten.
Behalte deine Zuversicht. Seeleute halten den Kurs auch im Sturm und zwar nicht, weil die Route eingehalten wird, sondern weil die Richtung stimmt.
